Warum Latein und Künstliche Intelligenz nicht gegeneinander auszuspielen sind

Ein Statement der Lateinfachschaft des Humboldt-Gymnasiums zum Beitrag von Patrick Guyton in der Rheinischen Post „Wer braucht heute noch Latein?“ vom 15.02.2026 unter Berücksichtigung des Artikels von Frank Vollmer „Warum nutzlose Bildung eine gute Sache sein kann“ vom 27.02.2026:

Anlässlich der angekündigten Kürzungen des Latein-Oberstufenunterrichts in Österreich zugunsten von KI- und Medienkompetenz wurde in Zeitungen und Social Media eine Debatte neu entfacht: Würde es jetzt nicht endlich Zeit, dass wir uns der Zukunft (~ KI) zuwenden und mit der Vergangenheit (~ Latein) abschließen?

Die an sich begrüßenswerte Diskussion einer Kompetenzförderung im Bereich Medien und KI wird dabei an eine in unregelmäßigen Abständen geführte Diskussion angeschlossen, nämlich die nach der Sinnhaftigkeit des Lateinunterrichts überhaupt. So auch geschehen im oben zitierten Beitrag der Rheinischen Post von Patrick Guyton, der sich leider nur im letzten Abschnitt konstruktiv mit „KI und Medienkompetenz als zeitgemäße[r] Alternative“ beschäftigt – aber dazu später mehr.

Den Hauptteil des Beitrags nimmt eine Wiederholung wohlbekannter Argumente auf Basis dreier (!) empirischer Studien, insbesondere der des Soziologen Jürgen Gerhards, ein. Wir stimmen Guyton zu, wenn er in der Diskussion von „verhärteten Fronten“ spricht. Dass die Fronten derart verhärtet sind, führen wir als Fachschaft in erster Linie auf den frappierenden Mangel an verlässlichen, verallgemeinerbaren empirischen Studien zurück. Letztlich müssten unserer Einschätzung nach beide Seiten zugeben, dass die Studienlage eine Positionierung weder in die eine noch in die andere Richtung sicher rechtfertigt. Die Gewissheit, mit der Guyton argumentiert (manchmal durchaus unsachlich – man nehme etwa dessen Hinweise auf das Alter der Unterzeichnenden einer Gegenpetition in Österreich), ist vor diesem Hintergrund durchaus bemerkenswert.

Als Lateinfachschaft möchten wir zur Beförderung der eigentlichen Debatte, nämlich der Frage nach der nachhaltigen Vermittlung von KI- und Medienkompetenz, drei Aspekte in konstruktiver Weise beitragen.

Erstens, nicht nur bei Guyton, sondern auch (und insbesondere) in Social-Media-Beiträgen ist wiederholt festzustellen: Die Nebendebatte rund um die Sinnhaftigkeit des Lateinunterrichts lebt von einem Strohmann-Argument. Das Fach Latein wird hierbei gerne als Inbegriff des Unzeitgemäßen und Verstaubten inszeniert: tote Sprache, endlose Grammatik, sinnlose Paukerei.

Wer so argumentiert, spricht nicht über den real existierenden Lateinunterricht, sondern malt (bewusst oder unbewusst) ein Zerrbild, das didaktisch in den 1960er-Jahren stehen geblieben ist. So zu tun, als hätten sich Lateinlehrkräfte in den letzten Jahrzehnten nicht intensiv mit Sinn und Zielen sowie einer zeitgemäßen Gestaltung ihres Unterrichts auseinandergesetzt, ist – freundlich formuliert – verkürzt. Entsprechend greift auch eine Zitation von Studien der 2000er Jahre auf eine Form des Unterrichts zurück, die heute vielerorts bereits überholt ist.

Ebenso wenig überzeugt die Gegenrede von einer „Nutzlosigkeit der Bildung“ im Kontext des Lateinunterrichts, wie sie in Vollmers Antwortartikel formuliert wird. Denn moderner Lateinunterricht verfolgt (nach Glücklich/Kipf 2023) drei zentrale Bildungsziele, die in ihrem Nutzen kaum bestritten werden dürften:

  • Lateinunterricht wirkt sprachbildend.
  • Lateinunterricht schlägt eine kulturelle Brücke von der Antike in das moderne Europa.
  • Lateinunterricht bietet einen Raum zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Die Geschichte des Faches über die Jahrhunderte hat dessen stete Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft unter Beweis gestellt. Genau deshalb ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet dieses Fach nun entweder als Hindernis für eine Förderung von KI- und Medienkompetenz (so Guyton) oder als Inbegriff zweckfreier Bildung (so Vollmer) inszeniert wird. Warum die Diskussion in diesen Extremen geführt wird, ist uns ein Rätsel.

Zweitens, KI- und Medienkompetenz erschöpft sich nicht allein im Erlernen digitaler Werkzeuge. Insbesondere im Fall von großen Sprachmodellen (wie z.B. ChatGPT) entsteht sie durch Sprachbewusstsein und Urteilskraft. Guyton führt in seinem (leider) kurzen abschließenden Abschnitt unter den zu erlernenden Kompetenzen das Erkennen verlässlicher Informationen und das Entlarven von Fake-News an. Diese Fähigkeiten werden insbesondere in Gestalt der Textkompetenz gefördert, also durch genau jene Kompetenz, die im Fach Latein traditionell und systematisch von Beginn an kultiviert wird. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Emilio Salvador, Vice President von Gitlab, der Latein als „Denkschule für Künstliche Intelligenz in der Software-Entwicklung“ ansieht. In der Debatte das Zukunftsweisende und vermeintlich Verstaubte gegenüberzustellen, scheint deswegen weniger sachlich begründet als persönlich motiviert.

Abschließend, die Diskussion rührt unserer Einschätzung nach an Grundsätzliches, nämlich an das Verhältnis von Ausbildung und Bildung. Ja: Unsere Schülerinnen und Schüler werden mit KI und durch KI arbeiten. Wahrscheinlich ihr gesamtes Berufsleben lang. Natürlich müssen sie früh lernen, diese Technologie kompetent zu nutzen – und das können sie sowohl im Fach Latein als auch in anderen Fächern hervorragend einüben und kritisch reflektieren.

Aber als Lehrkräfte an einem Gymnasium mit humanistischem Profil ist uns wichtig: Schule muss mehr sein als ein Vorraum des Arbeitsmarktes. Kinder sind nicht nur zukünftige Arbeitskräfte – sie sind in erster Linie Menschen.

Sich mit existenziellen Fragen des Menschseins auseinanderzusetzen, mit Macht(missbrauch), (Sprach)Gewalt, Weltdeutungen, Trauer und Glück, Verantwortung, Freundschaft und Intrigen, politischem Kalkül, Liebe und Träumen – und das alles im Dialog mit historischen Texten, in kritischer Distanz zur eigenen Gegenwart – ist das große Privileg einer demokratischen Gesellschaft, die ihren Bildungsauftrag nicht ausschließlich an den Regeln des Arbeitsmarktes bemisst.

Wir wünschen uns dieses Privileg für alle Schülerinnen und Schüler in Zukunft und sagen deswegen:
KI mit Latein! Für einen kompetenten und kritischen Umgang mit der neuen Technologie!
#KImitLatein

Genannte Sekundärliteratur
Glücklich, H.-J. / Kipf, S.: „Bildungsziele des Lateinunterrichts“, in S. Kipf/M. Schauer (Hgg.): Fachlexikon zum Latein- und Griechischunterricht, Tübingen 2023, 102–110.

Der Zugriff auf die Internetlinks erfolgte zuletzt am 3. März 2026.